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Fraktion vor Ort Veranstaltung zum Thema „Nach dem Auslandseinsatz - Umgang mit unsichtbaren Verwundungen“

Veranstaltungen



Veranstaltung zu Kriegstraumata am 25.01.13
in Eutin mit dem Kommandeur Richard von
Stetten, Oberstarzt Jürgen Canders und dem
Militärseelsorger Gerrit Degenhardt (v.l.)

In die Aula des Johann-Heinrich-Voß-Gymnasiums in Eutin waren am 25. Januar etwa 60 Zuhörer gekommen, um einer bewegenden Diskussion über das Krankheitsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) zu folgen.
Auf Einladung von Bettina Hagedorn sprang als Referent sehr kurzfristig Oberstarzt Dr. Jürgen Canders, Fachbereichsleiter Sanitätsdienst und Gesundheitswissenschaft an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg, ein, da der ursprünglich als Referent zu diesem Thema eingeladene Reinhold Robbe seine Teilnahme leider kurzfristig am Veranstaltungstag aufgrund eines Krankheitsfalls in der Familie absagen musste. Robbe war von 2005 bis 2010 Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages, es ist sein Verdienst, dass das Thema PTBS heute offen diskutiert werden kann. Auf sein Betreiben hin ist auch das Therapiezentrum für Trauma-Patienten in Berlin entstanden.
Zusammen mit Canders, Gerrit Degenhardt, dem Militärseelsorger der Marineunteroffiziersschule in Plön und dem Kommandeur der Rettberg-Kaserne in Eutin, Oberstleutnant Richard von Stetten, diskutierte Bettina Hagedorn drei Stunden vor und mit einem interessierten und nachdenklichen Publikum über das Krankheitsbild der Posttraumatischen Belastungsstörung.

Entstigmatisierung sei der beste Weg zur frühzeitigen Behandlung, sagte Hagedorn und hob hervor, dass auch die Politik sich ihrer Verantwortung bewusst ist: Vor allem durch die Arbeit des ehemaligen Wehrbeauftragten Reinhold Robbe hat PTBS an öffentlicher Aufmerksamkeit gewonnen und durch die Anerkennung als Berufskrankheit wurden die Versorgungsansprüche der Erkrankten gesichert. Nach der Eröffnung eines PTBS-Behandlungszentrums in Berlin steht nun als nächster Schritt die Umkehrung der Beweispflicht – diese liegt bisher beim erkrankten Soldaten – an. Die Zahl der genehmigten Kuren hat sich in den Jahren von 2007 von etwa 366 auf 3051 Kuren in 2010 gesteigert, jedoch müssen Möglichkeiten der Soldaten zur Kur in den ersten Wochen nach einem Auslandseinsatz noch besser mit den Angeboten für ihre Angehörigen in Einklang gebracht werden. Insgesamt hat sich in den letzten Jahren zwar schon einiges bewegt, die Statistiken zeigen jedoch, dass die (diagnostizierten) PTBS-Erkrankungen von Jahr zu Jahr stark ansteigen: Waren 2010 noch 655 Soldaten offiziell an PTBS erkrankt, stieg die Zahl der behandelten Posttraumatischen Belastungsstörungen auf 922 im Jahr 2011 und auf 1.143 im Jahr 2012. Dass die Entstigmatisierung so wichtig ist, zeigt auch die enorm hohe Dunkelziffer von fast 50 Prozent.
Auch Canders trat für einen offenen Umgang mit der Krankheit PTBS ein, die bei vielen noch immer als Makel gelte – so würden manche PTBS-Erkrankte Angst vor der Reaktion ihrer Kameraden und Vorgesetzten befürchten und an ihrem Selbstwert zweifeln. Degenhardt sprach von hoher Belastung auch für die Familien von Soldaten im Auslandseinsatz, die sich etwa bei Marineangehörigen in Scheidungsraten von 80 Prozent zeigten. Von Stetten führte weiter aus, dass es wichtig sei, auch auf die Kameraden zu achten, um frühzeitig eine Posttraumatische Belastungsstörung zu erkennen und den betroffenen Kameraden Hilfe anbieten.
Inhaltlich bereichert wurde die Veranstaltung auch durch viele kompetente Wortmeldungen aus dem Publikum. So meldete sich unter anderem Dr. Wolf-Rüdiger Jonas, Traumatherapeut am Ameos-Klinikum in Heiligenhafen, zu Wort: Trauma-Opfer seien schwer leidende Menschen, das könne das ganze Leben beeinträchtigen.
Ein 35-jähriger Offizier berichtete beklemmend von seiner eigenen Erkrankung und deren Auswirkung auf seine Familie, er wies auch darauf hin, dass sich zwar viel getan habe, dass die Hilfsangebote bisher aber „nur Insellösungen“ seien. Die Diskussion hat gezeigt, dass es Bedarf gibt für weitere Veranstaltungen zum sensiblen Thema PTBS.