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Meine Rede zur Präsentation der Sonderbriefmarke "Lübecker Märtyrer"

Aktuelles

04.10.2018


mit Lübecks Bürgermeister Jan Lindenau, Landesbischöfin Kirsten Fehrs, Ministerpräsident Daniel Günther und Erzbischof Dr. Stefan Heße
(Foto: Marco Heinen)

"Sehr geehrter Ministerpräsident Günther,
sehr geehrter Bürgermeister Lindenau,
sehr geehrte Bischöfin Fehrs,
sehr geehrter Erzbischof Dr. Heße,
sehr geehrte Damen und Herren der Erzbischöflichen Stiftung Lübecker Märtyrer
verehrte Gäste aus Kirche, Kunst und Kultur, aus Politik und Gesellschaft,
liebe Briefmarkenfreunde!

Ich freue mich sehr, heute bei Ihnen zu sein und empfinde es als eine große Ehre, Ihnen stellvertretend für den Bundesfinanzminister, Olaf Scholz, die Sonderbriefmarke „Lübecker Märtyrer“ vorstellen zu dürfen.

Die Briefmarken des Bundes werden schon seit vielen Jahren eigentlich nicht mehr anlässlich der Todestage von bedeutenden Persönlichkeiten herausgegeben. Denn der gewaltsame Tod von vier aufrechten Männern, die in Gemeinschaft als Gleichgesinnte, dem christlichen Menschenbild verpflichtet, sich dem Nazi-Regime mutig entgegengestellt und dafür mit ihrem Leben bezahlt haben, ist nun wahrlich kein Grund zum Feiern.

In diesem besonderen Fall der vier „Lübecker Märtyrer“

Karl Friedrich Stellbrink,
Johannes Prassek,
Hermann Lange und
Eduard Müller

hat sich aber der Bundesfinanzminister aus gutem Grund anders entschieden: mit der Sonderbriefmarke zu IHREN EHREN soll ein Stück Erinnerungskultur wirksam werden mitten in unserem Alltag."

"Denn es ist der gemeinsame Tod der vier aufrechten und mutigen Kirchenmänner, die hier vor 75 Jahren der Vollstreckung ihrer Verurteilung durch den sogenannten „Volksgerichtshof“ entgegensahen, der eine gemeinsame Würdigung auf einem Sonderpostwertzeichen des Bundes als angemessen erscheinen lässt.

Wenn wir uns die aktuell erschreckend eskalierende Gewalt rechter Nationalisten nicht nur in Chemnitz und Dortmund ins Gedächtnis rufen, dann ist die heutige Würdigung vielleicht sogar ein überfälliges Zeichen der Anerkennung des Mutes derer, die bereit waren und sind, sich radikalen Kräften konsequent in den Weg zu stellen.

Und im Falle der vier Lübecker Märtyrer waren es aktive Christen, denen ihr Glaube offensichtlich gleichermaßen Auftrag und Kraftquelle war, um gradlinig für die Achtung von Menschenwürde und Menschenrechten einzustehen – ungeachtet der Gefahr für ihr eigenes Leben.


(Foto: Marco Heinen)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, wir verstehen unsere Briefmarken sehr wohl als Botschafter unseres Landes und unserer Kultur. Um diesem Auftrag gerecht zu werden, würdigt unser Staat mit den Motiven der Briefmarken regelmäßig Persönlichkeiten, Institutionen und Ereignisse, die sich mit ganzer Kraft

dem Aufbau unserer Demokratie,
dem Kampf um Freiheit und Menschenrechte,
dem Wirken für Toleranz und
dem Einsatz für das Gemeinwohl verpflichtet sahen…

und dabei sehr häufig im christlichen Glauben handelten.

Nicht selten sind es Menschen, die mit Ihrer Überzeugung gegen Gewalt und für die Nächstenliebe gestanden haben. Oft haben sie durch ihr Handeln oder ihre Wirkung auf die Menschen die geschichtliche, kulturelle und gesellschaftliche Entwicklung unseres Landes nachhaltig beeinflusst.

Angesichts des Nazi-Terrors stellen wir uns immer wieder die Frage: Wie hat dieses Himmel schreiende Unrecht geschehen können? Warum ging damals der Maßstab für Recht und Unrecht verloren?

Wie war es möglich, dass die Fähigkeit zu fühlen und mitzufühlen bei so vielen Menschen abhanden kam?

Die Aufbegehrenden, die Widerstand Leistenden, die Couragierten, sie waren eine Minderheit. Aber es gab sie - zum Glück!

Es trifft eben NICHT zu, dass jede Form von Hilfe und Beistand für Juden und andere Opfer des NS-Terrors unmöglich gewesen wäre. Gerade auch viele Frauen und Männer - gestärkt in ihrem Glauben - zeigten, dass ein anderes Verhalten möglich war, die im Alltag Courage gezeigt haben, die Bedrängten in einem unbeobachteten Moment unterstützt haben, die Verfolgten ein Quartier boten oder ihnen dabei halfen, aus Deutschland zu fliehen und dabei ihr eigenes Leben und das ihrer Familien riskierten. DIESE Menschen sind bis heute zu Recht unsere Vorbilder.

In den Kirchen unseres Landes gab es damals vereinzelt Kanzeln von denen im Gottesdienst das Unrecht angeprangert wurde. Die dort Predigenden waren Menschen, die NICHT weggeschaut haben, die aus Überzeugung, aus Nächstenliebe geholfen haben, weil das Gebot zur Hilfe und Mitmenschlichkeit vor keiner Macht der Welt Halt machen DARF.

Die damaligen Feindbilder der Nazis waren Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, Kommunisten und Sozialisten, Behinderte und Kranke, Christen und überhaupt Andersdenkende und natürlich alle, die den rassistischen Wahnvorstellungen nicht entsprachen.

Aktuell gibt es wieder Meldungen, dass jüdische Lokale angegriffen, Juden auf offener Straße beleidigt werden, dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe, ihrer Religion oder sexuellen Orientierung wieder bedroht, verfolgt oder sogar durch Straßen gejagt werden – das DÜRFEN aufrechte Demokraten und Christen damals WIE HEUTE nicht unkommentiert und vermeintlich wehrlos hinnehmen. Das öffentliche Auftreten von bestimmten politischen Gruppen, die ihren Anhängern neue Feindbilder von islamischen oder jüdischen Gläubigen, von Journalisten als verunglimpfender „Lügenpresse“ oder generell von Ausländern und Flüchtlingen einimpfen wollen, mahnt uns ALLE – gerade am Beispiel der vier Lübecker Märtyrer – dazu, AUFZUSTEHEN und uns mit aller Klarheit zu unserer Demokratie, zu unserem Rechtsstaat, zu unserem Glauben, zu den Grundwerten unserer Verfassung und eines einigen Europas zu bekennen!

DAS sind wir Menschen wie

Karl Friedrich Stellbrink,
Johannes Prassek,
Hermann Lange und
Eduard Müller

schuldig!

Die Bundesregierung setzt mit dem Sonderpostwertzeichen zu den Lübecker Märtyrern ein deutliches Zeichen für diese Ziele.


(Foto: Marco Heinen)

Wir können uns nicht oft genug und dankbar genug erinnern an den mutigen Widerstand ALLER, die sich gegen die Barbarei des NS-Regimes aufgelehnt haben und dazu gehören eben auch diese vier christlichen Märtyrer, die mit ihren gelebten Grundsätzen, Prinzipien und Bekenntnissen für viele Menschen beispielgebend waren.

Zu ihnen gehören auch Namen wie Dietrich Bonhoeffer, Martin Niemöller, Maximilian Kolbe, Alfred Delp, Rupert Meyer, Edith Stein, Ernst Wiechert, Friedrich von Bodelschwingh, Joseph Kentenich, Karl Leisner und Clemens August Graf von Galen - um nur einige zu nennen.

Meine Damen und Herren, die heute mit der Ausgabe unseres Postwertzeichens zu ehrenden aufrechten Christen haben durch ihr Handeln ein unübersehbares Zeichen gesetzt.

Sie waren sicher keine Helden im klassischen Sinne und ganz gewiss auch nicht frei von Irrtümern und Fehleinschätzungen. Was sie heraushebt aus der Masse der deutschen Bevölkerung ist, dass sie den verhängnisvollen und gewissenlosen Weg in die Barbarei, den das Deutsche Reich damals eingeschlagen hatte, irgendwann in aller Deutlichkeit wahrnahmen, dass sie diese Erkenntnis nicht schweigend und ängstlich zu verdrängen versuchten, dass sie sich im Gegenteil öffentlich, eindeutig und über Konfessionsgrenzen hinweg zu einem christlich-humanistischen Menschenbild bekannten. Und: Dass sie bereit waren, den eigenen Tod für diesen Mut zu akzeptieren.

Liebe Gäste, mit der Ausgabe der heutigen Briefmarke wollen wir das Gedenken an die Lübecker Märtyrer aufrechterhalten und uns an das Wirken und die Ziele dieser aufrechten Persönlichkeiten erinnern.

Dass es diese Briefmarke gibt, daran haben Viele mitgewirkt. Im Bundesfinanzministerium gehen jedes Jahr Hunderte Themen-vorschläge für Briefmarken ein. Die Vorschläge kommen aus der Bevölkerung, aus der Politik, von Vereinen, Museen oder -wie in diesem Fall - auch aus den Kirchen. Dieser Vielzahl von Vorschlägen stehen nur rund 50 Postwertzeichen pro Jahr gegenüber.

Das heißt: jeder Vorschlag steht in harter Konkurrenz zu anderen wichtigen Anliegen, bevor er dem Bundesminister der Finanzen zur Umsetzung empfohlen wird. Nur die wichtigsten Themen können also bedacht werden.

Um hier eine möglichst gute Entscheidung zu treffen, setzt sich einmal im Jahr ein Expertengremium, der sogenannte Programmbeirat zusammen, um die wichtigsten Vorschläge auszuwählen. Diesem Gremium gehören z.B. Vertreter aus Kultur, Wissenschaft, Medien und Politik sowie der Philatelisten und der Deutschen Post AG an. Welches der empfohlenen Themen dann tatsächlich umgesetzt wird, entscheidet der Bundesfinanzminister persönlich.

Und auch die Entwürfe, die von verschiedenen renommierten Grafikern im Wettbewerb entstehen, unterliegen der Prüfung und Auswahl einer Kunstjury. Und auch hier hat schließlich der Minister das letzte Wort.

Meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen nun offiziell das Sonderpostwertzeichen „Lübecker Märtyrer“ vorstellen: Im Mittelpunkt der Briefmarke stehen die Namen der vier Lübecker Geistlichen. Durch die Einbettung dieser Namen in eine farbige Umgebung wird der dramatische Zusammenhang zum historischen Geschehen betont.

Der Kunstbeirat drückte es in seiner Würdigung des Markenentwurfs mit den folgenden Worten aus:

„Der prämierte Entwurf zeigt eine typografisch markant-plakative Gestaltung, die zum Diskurs anregt (und Aufregung nicht ausschließt). Zweizeilig und mit roter Farbe sind die Lübecker Märtyrer in die Marke „geschrieben“. Zusätzlich werden die vier Namen der drei Kapläne und des Pastors genannt, die im gemeinsamen Widerstand gegen das Naziunrecht ihre Konfessionsgrenzen überwanden und 1943 zum Tode verurteilt wurden.“


(Foto: Marco Heinen)

Der Markenentwurf stammt von dem Grafiker Christopher Jung aus Berlin, der heute leider nicht bei uns sein kann. Herr Jung hat vor wenigen Tagen in Berlin seine Tätigkeit als Professor der „design akademie berlin“ aufgenommen. Dazu gratulieren wir!

Die Sonderbriefmarke „Lübecker Märtyrer“ mit dem Standardportowert von 70 Cent wird in einer Auflagenhöhe von über vier Millionen Stück (4,216 Mio.) ab dem 11. Oktober 2018 zum Verkauf in den Filialen der Deutschen Post AG ausgegeben.

Das sind vier Millionen Zeichen für den Glauben, vier Millionen Zeichen für eine HALTUNG und für den Mut, diese auch angesichts von Bedrohung nicht aufzugeben. Es sind vier Millionen Zeichen gegen das Unrecht.

Und nun ist es mir eine außerordentliche Ehre, Alben mit den Erstdrucken des neuen Sonderpostwertzeichens überreichen zu dürfen."